Gustaf Gründgens
Weiter denken...
Gustaf Gründgens (1899-1963) | Schauspieler, Regisseur, Intendant
EINERSEITS
Aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen stammend, strebt der junge begabte Schauspieler nach sozialem Aufstieg und beruflichem Erfolg. In den 1920er Jahren lernt er Klaus und Erika Mann kennen – auf Freundschaft und kurzes Eheleben mit Erika folgt Distanzierung aufgrund inkompatibler Lebensentwürfe. Der ehrgeizige Gründgens glaubt an eine Trennung zwischen Privatleben und Kunst, deren Perfektionierung er alles andere unterordnet. Nach ersten Engagements wird Gründgens von 1928 bis 1931 ans Deutsche Theater in Berlin unter Max Reinhardt verpflichtet. 1932 tritt er erstmals am Preußischen Staatstheater (Schauspielhaus am Gendarmenmarkt) auf. Seine Rolle: Mephisto in Goethes »Faust«.
ANDERERSEITS
Göring beruft Gründgens 1934 zum Intendanten des Schauspielhauses. Dort setzt er die NS-Ideologie der »Werktreue« um. Er schafft ein Klassikertheater, das keinen Bezug zur Realität hat und somit die Vorgaben der NS-Kulturpolitik erfüllt: Zucht, Klarheit und geschmackvolle Unterhaltung. 1936 ernennt Göring ihn zum Preußischen Staatsrat, 1937 zum Generalintendanten der Preußischen Staatstheater. Damit steht der homosexuelle Gründgens unter direktem Schutz Görings. Im Mai 1945 wird er durch den sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Das Entnazifizierungsverfahren nach seiner Haftentlassung im März 1946 stuft ihn zunächst als belastet ein; er darf spielen, nicht aber als Intendant oder Regisseur arbeiten. Gründgens geht in Berufung, gilt seit 1948 als unbelastet und setzt seine Karriere fort mit Generalintendanzen in Düsseldorf und Hamburg. 1953 wird ihm das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
Die Biografien-Datenbank »NS-Dabeigewesene« der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg ist als work in progress angelegt, das im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen begann und laufend ergänzt und erweitert wird. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftler:innen können dort ihre erarbeiteten Profile einstellen lassen; eine Vollständigkeit wird jedoch wohl niemals zu erreichen sein. Hier findet sich eine kurze zuverlässige Online-Biografie von Gründgens.
Literatur
Thomas Blubacher, »Gustaf Gründgens«, Hamburg, Ellert & Richter, 2011.
Jüngste Biografie, sehr gut besprochen auf nachtkritik.de.
Peter Michalzik, »Gustaf Gründgens. Der Schauspieler und die Macht«, Berlin, Quadriga, 1999 (vergriffen). Dieses Buch beschreibt Gründgens‘ Wirken als Schauspieler und Regisseur. Es untersucht kritisch sein Verhältnis zu den Größen des NS-Regimes und fragt nach politischen und moralischen Alternativen des Künstlers. Hier eine kritische Rezension des Kulturwissenschaftlers und Publizisten Jens Malte Fischer.
Gustaf Gründgens, »Briefe, Aufsätze, Reden«, München, DTV, 1970 (vergriffen).
Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist die Publikation von Helmut Lethen »Die Staatsräte«, Berlin, Rowohlt, 2018
Die »Preußischen Staatsräte« waren eine Gruppe hochrangiger Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft, die Hermann Göring ab Juli 1933 in den von ihm neu geschaffenen Preußischen Staatsrat berief. Die Institution diente vor allem der Selbstdarstellung des NS-Regimes und der Bindung der kulturellen Elite. Gustaf Gründgens wurde 1936 ernannt.