Erna Schlüter
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Erna Schlüter (1904-1969) | Sängerin
EINERSEITS
Eine junge Sängerin beginnt ihre Karriere als Altistin am Oldenburgischen Landestheater, erarbeitet sich rasch auch die größeren Mezzo-Partien, wechselt 1925 ans Nationaltheater Mannheim und dort auch ins Sopranfach. Neben Dalila, Erda und Fricka ist sie dort auch als Santuzza und Marschallin zu erleben. 1930 wird sie für Mezzo-, aber auch jugendlich-dramatische Sopranpartien ins Ensemble der Städtischen Bühnen Düsseldorf verpflichtet. Ihr Repertoire umfasst neben Strauss, Puccini und Verdi auch Gurlitt, vor allem aber Wagner; ihre Stimme hat sich inzwischen zum hochdramatischen Sopran entwickelt. Sie gastiert erfolgreich im In- und Ausland. Von 1940 bis zum Ende ihrer Laufbahn 1956 ist sie fest an der Hamburgischen Staatsoper engagiert.
ANDERERSEITS
Mit der Entwicklung ihrer Stimme zum dramatischen Sopran und ihrer zunehmenden Spezialisierung auf die großen Wagner-Partien eignet sie sich auch als kulturelle Repräsentantin des nationalsozialistischen Regimes, das Wagners Werk für seine Zwecke missbraucht. Eine Situation, von der beide Seiten profitieren. Am 20. April 1938 wird Erna Schlüter zur Kammersängerin ernannt, nur gut einen Monat vor Eröffnung der Ausstellung »Entartete Musik«, ebenfalls in Düsseldorf. In den Jahren 1933/34 tritt Schlüter mehrfach in Vorstellungen auf, die mit politischen Anlässen verknüpft sind, etwa Hitlers Geburtstag oder dem Tag der Machtergreifung. 1944 wird sie auf Goebbels‘ »Gottbegnadeten-Liste« gesetzt.
Erna Schlüter war Mitglied der Reichstheaterkammer, eine Voraussetzung zur Ausübung ihres Berufes, Mitglied der »Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt« und des »Reichskolonialbundes«. An die »Nationalsozialistische Frauenschaft« hat sie regelmäßig gezahlt, war jedoch kein Mitglied. Auch ist sie nie in die NSDAP eingetreten. Ihre Personalakte ist verschollen – sie wurde vermutlich vernichtet.
Die Literatur- und Quellenlage ist einigermaßen dürftig. Wir verweisen hier vor allem auf der Website der Erna Schlüter Operngesellschaft Oldenburg.
Literatur und Auseiandersetzung
Auf der Website »POTZBLITZchen!« hat Aljoscha Hoepfner mit »Erna Schlüter, eine ›unpolitische‹ Nationalsozialistin« (22. Februar 2024) einen Artikel veröffentlicht. Die neue Intendanz seit der Spielzeit 2024/25 sah einen dringenden Bedarf an der Klärung des Sachverhaltes. So förderte die Erna Schlüter OpernGesellschaft seinerzeit das Opernstudio und es gab ein nach der Sängerin benanntes Foyer im Oldenburgischen Staatstheater. Die Zusammenarbeit für das Opernstudio wurde beendet und ab der Spielzeit 2026/27 in Kooperation mit der Hochschule für Künste Bremen fortgesetzt. Das ehemalige Erna Schlüter-Foyer ist seit dem 5. Juni 2026 in ein »Nachdenk-Foyer« umgewidmet.
Ein ursprünglich in der taz vom 7. März 2024 erschienener Artikel »Nazi-Porträts auf Oldenburger Wandbild: Zu viel der Ehre« führte u. a. dazu, dass der Förderverein des Präventionsrates Oldenburg, der federführend an der Entstehung des Wandbildes mitgewirkt hatte, ein Gutachten über Erna Schlüters Rolle während der NS-Zeit in Auftrag gab, das von Dr. Mareike Witkowski / Dr. Joachim Tautz unter dem Titel »Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung zur Person Erna Schlüter« veröffentlicht und im Oktober 2024 vorgestellt wurde.
Marlene Warmer verfasste im Rahmen ihrer Masterarbeit am Institut für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit »Die Heldin Großer Opern. Karrierewege der Oldenburger Sängerin Erna Schlüter« die bislang einzige Monografie, die 2012 im Isensee Verlag Oldenburg erschienen ist. Ausgehend vom damaligen Wissen und kleineren stellenweisen Ungenauigkeiten, ist dieses Buch eine gute Zusammenfassung des Forschungsstands von 2012 – inklusive Quellenpräsentation und einer CD mit einer Auswahl historischer Aufnahmen von Erna Schlüter.
In diesem Zusammenhang ist eine weitere Monografie lesenswert: Paulus Manker, »Enttarnung eines Helden. Das völlig unbekannte Leben des Walter Bruno Iltz« (2014, leider vergriffen, aber auf den einschlägigen Plattformen noch antiquarisch erhältlich). Iltz war von 1927-1937 Generalintendant der Städtischen Bühnen Düsseldorf, des Hauses also, an dem Erna Schlüter von 1930-1940 engagiert war. Dieses Buch zeigt nicht nur den Zwiespalt und das Lavieren eines Intendanten während der NS-Zeit, es führt auch beispielhaft vor, wie dieselbe Faktenlage aus unterschiedlichen Perspektiven konträr bewertet werden kann.